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Die Methode GIM


 

Prof. Dr. Isabelle Frohne-Hagemann, Berlin

Guided Imagery and Music –
klassische Musik als therapeutisches Agens

erschienen in: Muziektherapie
Nieuwsbrief BTM, 10. jaargang nr. 20, Mai 2008, Belgien

Seit der Etablierung der Musiktherapie in den deutschsprachigen Ländern in den 80iger Jahren und dem Siegeszug der aktiven Musiktherapie mit dem Improvisieren auf Instrumenten war Rezeptive Musiktherapie zum Stiefkind geworden, besonders in der Form, wo mit klassischer Musik therapeutische Wirkungen erzielt werden sollten.

Umso begrüßenswerter ist die Renaissance rezeptiver Musiktherapie und die Verbreitung besonders der Guided Imagery and Music in Deutschland in der letzten Zeit.

Die Vorstellung vom Musikhören zu therapeutischen Zwecken hatte immer schon Ärzte interessiert und vielerlei Versuche wurden über die Jahrhunderte unternommen, auf Menschen mit Musik zu einzuwirken. Von der Antike bis mindestens in die Neuzeit wurde komponie
rte Musik als Kunstwerk angesehen, das durch ihre Gesetze eine entsprechende Wirkung auf uns hat. Die Frage erscheint deshalb durchaus berechtigt, wie und wodurch Musik denn wirke.

In der Antike wurde Musik als Ausdruck kosmischer Harmonie und Symmetrie verstanden. Es bestand die Auffassung, dass Musik keine individuelle Schöpfung des Menschen sei, sondern kosmischen Gesetze widerspiegele.

Das Universum (der Makrokosmos) sei nach einem musikalischen Code aufgebaut und die Aufgabe des Menschen als mikrokosmisches Instrument sei es, die makrokosmische Ordnung erklingen zu lassen. Dazu müsse er aber gesund sein. Gesundheit war gleichbedeutend mit musikalischer Ordnung, während Krankheit bedeutete, dass das menschliche Instrument eben nicht richtig „gestimmt“ war. Musik gehörte der „moralitas“ an und sollte erzieherisch wirken. Dazu gehörte auch die Reinigung der Seele (catharsis).


In diesem metaphysisch orientierten Weltbild hatte das subjektive Empfinden von Musik keine Relevanz, obwohl die Bedeutung der Erfahrung und damit der sensualistischen, subjektiven und hedonistischen Hörempfindung und –erfahrung z. B. von den Sophisten und den Epikuräern durchaus gesehen wurde. Trotzdem warnte noch Zarlino im 16. Jahrhundert davor, Musik nur zum Genuss zu hören, weil die Wirkung des sinnlichen Hörens den Menschen verderben würde.

Die moderne Rezeptionsforschung als interdisziplinäres Forschungsgebiet, die sich mit der „Wahrnehmung, dem Erleben und der Wirkung von Musik“ befasst hat das Wissen um neurobiologische, entwicklungspsychologische und emotionspsychologische Verarbeitungsvorgänge beim Musikhören immens erweitert.

Früher sah man die Wirkung von Musik nicht in Abhängigkeit von Faktoren wie Kontext, Kultur, Hörgewohnheiten, Biographie, usw. wie wir es heute tun. Die Vorstellung, dass die Wirkung von Musik u. a. vom Kontext, der Beziehung zum Arzt oder Therapeuten abhängt sowie von biographischen Faktoren und von der momentanen Bereitschaft, sich einzulassen, ja, dass ein Hörer die gehörte Musik selber kreativ gestaltet und mit Bedeutung füllt,  war  überhaupt nicht denkbar. 

 

Während in der rezeptiven Musiktherapie mit verschiedensten Musikgattungen gearbeitet wird, gibt es Methoden, die sich besonders dem Potenzial klassischer Musik widmen. Die Funktion der Musik in diesen Methoden ist unterschiedlich und oft auch gemischt. Methoden mit klinischer Zielsetzung können Musik als Hintergrundsmusik oder als Medium benutzen, z. B. um die Wahrnehmung zu trainieren (wie bei der Regulativen Musiktherapie), um Strategien zur Tiefenentspannung zu lernen (wie bei der Musiktherapeutischen Tiefenentspannung) oder um über das Musikhören die narrative Praxis zu fördern (wie bei musikalischer Erinnerungsarbeit bei alten Menschen oder Geschichten erzählen bei Adoleszenten).

Andere Methoden geben auch der Musik selber mehr Raum und Bedeutung, (z. B. bei Guided Imagery and Music oder die Klanggeleitete Trance). Hier ist Musik weniger Medium und Mittel zum Zwecke als dass sie selber zum musikalischen und psychologischen  Erlebnisraum oder Behälter wird, in welchem sich seelische Verarbeitungsprozesse vollziehen. Diese können auch transpersonale Dimensionen der Seele betreffen. Es werden dabei ggf. auch andere Bewusstseinszustände bzw. das "komplexe Spektrum des Bewusstseins"  (Petzold 1975) erforscht.

 

>> Niemand weiß, was Musik eigentlich ist.
Sie wird aufgeführt, man lauscht ihr, komponiert sie und bespricht sie;
aber ihre essentielle Realität ist ebenso unbegreiflich wie die der Elektrizität.
Wir wissen, dass sie den Verstand loslöst
und den Gedanken ermöglicht sich nach innen zu kehren und sich zu läutern;
wir wissen, dass sie den menschlichen Geist
in die Einsamkeit der Meditation zu entheben vermag,
wo kreatives Wirken sich frei entfalten kann;
wir wissen, dass sie Schmerz lindern, Angst erleichtern,
Kummer besänftigen, Gesundheit aufheitern, Mut bekräftigen,
klares und kühnes Denken inspirieren, den Willen veredeln,
Gefühle verfeinern, das Herz erheben, den Intellekt anregen kann
und noch vieles Interessantes und Schönes mehr bewirken kann.
Und dennoch, wenn alles getan und gesagt ist, weiß trotzdem niemand was Musik ist.
Vielleicht liegt die Erklärung darin, dass Musik selbst Schöpfung ist. <<


Lucien Price

 


Guided Imagery and Music nach Helen Bonny 

Guided Imagery and Music (GIM) ist eine musiktherapeutische Richtung, die sich als Psychotherapie versteht und in der die Musik als Kunst einen sehr (!!!) hohen Stellenwert hat - sie wird sogar als Ko-Therapeutin bezeichnet.

GIM ist ein transformierendes Therapieverfahren, bei dem der Klient eine Auswahl meist klassischer Musik in einem leicht veränderten Bewusstseinszustand hört und dabei sein Erleben (Imaginationen) der Therapeutin mitteilt. Seine Wahrnehmung kann innere Bilder, Körperempfindungen, Gefühle, Erinnerungen und Gedanken beinhalten. Die Therapeutin begleitet den Reisenden verbal durch Fragen und Interventionen, die  die dynamische Entwicklung seiner Imagination unterstützen und emotionalen Ausdruck ermutigen. Die Musik spielt dabei eine sehr entscheidende Rolle, weil sie die Imaginationen (Bilder, Gefühle, Körperempfindungen, Erinnerung, Szenen, Assoziationen, Gedanken) hervorruft, weiterentwickelt, stützt und trägt.

Es ist ein Arbeiten in einem komplexen Bewusstseinsrahmen mit einem Spektrum vom Vegetativen bis hin in transpersonale und spirituelle Dimensionen.

 

 


Zur Begrifflichkeit

Zunächst ein Wort zur Begrifflichkeit: „GIM“ (ausgesprochen Dschi Ai Em) finden Sie in der Literatur immer wieder als Abkürzung für dieses Verfahren, in der neueren Literatur ist es dann „BMGIM“, vollständig lautet der Name „The Bonny Method of Guided Imagery and Music“. Dieser Name bezeichnet die von Helen Bonny entwickelte Methode zur Unterscheidung von anderen therapeutischen Verfahren, in denen Musik und Imagination verwendet werden. Im Deutschen sprechen wir auch von „Musikgeleiteter Imagination“ – das Guiding bezieht sich nämlich nicht auf ein Führen oder Anführen durch den Therapeuten, sondern es ist die Musik , die den Rahmen und das Fahrzeug für das Imaginieren bereitstellt. Ich habe auch „Musikevozierte Imagination“ vorgeschlagen, weil es mehr die Musik ist, die die Imaginationen stimuliert als der Therapeut. Manchmal hört man auch „Imaginative Psychotherapie mit Musik“, was den psychotherapeutischen Rahmen betonen soll, in den das Musikhören eingebettet ist. Der Begriff „Imaginative Psychotherapie“ ist allerdings – wörtlich übersetzt – Unsinn, weil es keine „eingebildete“ Psychotherapie gibt.

 


Zur Geschichte der GIM

„The Bonny Method of Guided Imagery and Music“ wurde in den 70er Jahren von Helen Bonny (1921-2011), einer Musiktherapeutin und ausgebildeten Geigerin, in den USA entwickelt. Helen Bonny arbeitete am Maryland Psychiatric Research Center, wo Wissenschaftler wie z. B. S. Grof, Ch. Tart und H. Leuner unter kontrollierten Bedingungen mit Halluzinogenen experimentierten. Auch Helen Bonny war dabei. Zunächst erforschte sie noch während therapeutisch induzierter LSD-Sitzungen die Zusammenhänge und Wirkungen von klassischer Musik auf die Schichten des menschlichen Bewusstseins, merkte jedoch bald, dass das Imaginierens zu Musik in einem leicht veränderten Bewusstseinszustand auch ohne die Gabe von Drogen sehr effektiv war, vor allem ein sichererer Weg zum Unbewussten, der viel leichter handhabbar war. Sie betrachtete die Musik in solch einem Hörprozess als eine Möglichkeit, Zugang zu verschiedenen Bewusstseinszuständen auf verschiedenen Bewusstseinsebenen, wie z. B. Tagtraum, Kindheitserinnerungen, Träume, Meditation etc. zu bekommen.

Bonnys psychotherapeutischer Bezugsrahmen war die humanistische Psychologie, sie war aber auch von C. G. Jung beeinflusst und stellte fest, dass es mit Musik nicht nur möglich war, den tiefen unbewussten Konflikten zu begegnen und sie zu bewältigen, sondern auch ästhetische, heilsame und nährende Erfahrungen in ihr zu machen. Damit machte sie schon früh auf die Bedeutung der Ressourcenarbeit und des salutogenen Vorgehen aufmerksam.

Bonny benutzte zu Beginn ihrer Arbeit die von Leuner im Katathymen Bilderleben entwickelten 10 Standardmotive (Wiese, Haus, Berg etc.) für bestimmte tiefenpsychologisch definierte Problemkreise, merkte jedoch schnell, dass dies bei Musik nicht sehr sinnvoll war, weil das Imaginationserleben zu ein und derselben Musik zu persönlich gefärbt war. Deswegen fokussierte sie die Musikzusammenstellungen mehr für verschiedene Themenkreise, die ein Klient in die Therapie mit einbringt, z. B. Trauer/Verlust; Kreativität; Suche; Tod und Wiedergeburt, usw., ging also mehr von den Gefühlsqualitäten aus als von vorgegebenen Bildmotive zum Einstieg in das Musikerleben.

GIM entwickelte sich allmählich zu einer Methode, die in verschiedenen Bereichen klinisch und ambulant angewandt wird – heute sowohl in den USA, als auch in Europa, Australien, Neuseeland und Mexiko. In Deutschland gibt es erst wenige zertifizierte Fellows der Association for Music and Imagery , aber bei IMIT und ihren Kooperationspartnern haben bereits einige Studierende die Weiterbildung abgeschlossen und sind Fellows der AMI (F AMI).

 


Imaginationen

Wenn wir mit klassischer Musik in der Therapie arbeiten, arbeiten wir mit den Imaginationen des Reisenden. C. G. Jung fand schon heraus, dass die Imaginationen den Emotionen ihr Gesicht geben.  Imaginationen helfen, das Erleben und die dazugehörigen mentalen Repräsentationen  zu konkretisieren. Jung behauptete: „Emotionsgeladene Imaginationen, die im Unbewussten bleiben, können einen Menschen in Stücke reißen.“ Es sei wichtig, die Imaginationen hervorkommen zu lassen und sich seinem Mythos vorwärts zu bewegen, damit dass Heilung erfolgen kann. 

Imaginationen sind  mentale Repräsentationen dessen,  wie wir denken, fühlen und handeln gelernt haben. Imaginationen, die nur schwer verbalisiert werden können  informieren über gesunde und defizitäre Mentalisierungsprozesse und über das, was  nicht oder noch nicht bewusst ist.  Metaphorische Symbole stellen  einen  Zugang zum sog. Unbewussten bereit .  Sie  hängen stark von der Gefühlswelt ab und haben aufdeckende Komponenten. Imaginationen mobilisieren  die Selbstheilungskräfte der Psyche.

Imaginationen geben uns viele Möglichkeiten, die Muster und Skripte zu sehen, die unser Leben bestimmen. Imaginationen sind aber nicht einfach Zeichen für Dinge, die mit rationalen Worten ausgedrückt werden können. In ihrem symbolischen Zusammenhang sind sie eher eine dynamische Erfahrung, als ein statisches Zeichen. Sie reichen in Dimensionen, die weit über den Intellekt hinausgehen.
In regulärer Therapie sprechen wir über etwas, während wir in GIM das Erleben selber in den Vordergrund stellen. Mit Hilfe der Imaginationen können wir den  dynamischen und direkten Ausdruck des inneren Selbst erleben .

Imaginationen, die durch die Musik stimuliert werden, sind nicht nur Bilder, sie können auch kinästhetische Empfindungen, Erinnerungen, Sinneseindrücke (Gerüche sind oft mit Erinnerungen verbunden) sein. Imaginationen können zwar konkrete Elemente haben, meist sind sie jedoch symbolisch und metaphorisch.

 

Zusammengefasst sind Imaginationen:

  • Bilder – sie sind symbolisch, realistisch, kommen als Erinnerungen und selbst Worte können Bilder werden. Die Bilder können sehr undeutlich und von kurzer Dauer sein, oder sehr klar und deutlich.
  • Körperempfindungen - Körperempfindungen, wie z.B. ein Kloß im Hals, können Türen ins Unbewusste sein.
  • Sinneswahrnehmungen - Die Sinne scheinen Imaginationen zu halten. Das sinnliche Wahrnehmen und Erleben vertieft den veränderten Bewusstseinszustand.
  • Imaginationen können intuitives Wissen tragen. Noetisches Wissen um etwas, archetypische und mythische Phänomene tauchen auf, man erfasst auch Quintessenzen und begreift Zusammenhänge, die man vorher nicht sah.
Der gesamte Imaginationsprozess an sich fördert die Intuition, weil er  das ganze Bewusstseinsspektrum einbezieht . Manche Menschen haben Schwierigkeiten mit Imaginationen: oft z. B. sehr intellektuelle Menschen und Menschen, die unbedingt Kontrolle behalten müssen. Aber auch Menschen, die Angst haben, emotional zu regredieren.

 


Musik und Imagination

Die Frage ist natürlich, was genau macht die Musik mit uns? Schließlich kann man ja auch ohne sie imaginieren. Das ist sicher richtig. Mit Musik aber wird ein Raum der Möglichkeiten angeboten, ein potential space wie Winnicott sagt, in welchem sich seelische Prozesse in größeren oder kleineren musikalischen Rahmen  vollziehen können.

 


Musik als Symbol


“....Musik ist bedeutsame Form, und ihre Bedeutung ist die eines Symbols, eines sehr artikulierten, sinnlichen Objekts, das durch seine dynamische Struktur die Formen der Lebenserfahrung ausdrücken kann, die Sprache nicht ausdrücken kann. Gefühl, Leben, Bewegung und Emotion sind, was ihre Bedeutung ausmacht.“

(Susanne Langer 1953, 32)

.Die Bedeutung des Symbols ist offen und ihre Interpretation bleibt dem Imaginierenden überlassen. Musik als Symbol betrifft eher die „Option“, zu erleben, zu erinnern, sinnlich wahrzunehmen als ein bestimmtes Erlebnis. Eine Musik drückt nicht ein bestimmtes Gefühl, z. B. Trauer aus, sondern gibt eher die Struktur  und Qualität  von Trauer vor, die wir mit Gefühlen der Trauer, aber auch noch mit vielen anderen Gefühlen füllen können.

Das Entscheidende beim Musikerleben in GIM ist, dass der Patient nicht über die Themen spricht, sondern sie im Hier und Jetzt im wahrsten Sinne er- und durchlebt. Ich habe selber erst mit der Zeit richtig begriffen, wie sehr es in einer spezifischen Musiktherapie nicht primär um das Analysieren von Gefühlen, sondern überhaupt erst um das Fühlen der Gefühle gehen sollte.
Wilhelm Heinrich Wackenroder, der von 1773-1798 lebte, sagte:
„In dem Spiegel der Töne lernt das Menschliche sich selber kennen, sie sind es, wodurch wir das Gefühl fühlen lernen“.
 

Er formulierte, dass es eben um das Fühlen der Gefühle geht, wodurch wir uns kennen lernen und eben nicht so sehr um das Begründen, warum wir gerade welche Gefühle haben. Wenn ich traurige Musik höre, erlebe ich die Qualität von Traurigkeit und überlege nicht, warum und wozu ich mich jetzt traurig fühle. Das Weinen darf seinen Platz haben: ohne Begründung, einfach durch Erleben. Wir sind oft viel zu schnell, sowohl mit dem Begründen als auch mit dem Beschwichtigen. Wenn das Weinen echten Trost erfährt – und Trost heißt eben nicht Beschwichtigen oder Ratschläge geben - dann fühlt sich der Mensch um seiner selbst willen verstanden und wenn das Gefühl der Traurigkeit durch die Musik begleitet und geleitet wird, dann findet das Gefühl einen Ausdruck, eine Gestalt, die sich schließen kann.  Musik –das wissen wir alle - tröstet, spiegelt Gefühle wider, man fühlt sich emotional verstanden und begleitet. Das ist Ressourcenarbeit, wenn das Fühlen als Wert an sich ernst genommen wird. Die Musik kann das.

 


GIM als mythische Reise

Für eine GIM-Sitzung benutzen wir in der Regel verschiedene Musikstücke, die nach bestimmten Kriterien zu Programmen zusammengestellt wurden. Der strukturelle Aufbau eines Programms orientiert sich meist an einer seelischen Gesetzmäßigkeit, die auch einem Drehbuch, einem Roman, einem Märchen zugrunde liegt. Jeder Roman, jedes Märchen, jeder Film, jedes Drehbuch, jede Story, die Sätze großer Sinfonien und Konzerte entsprechen den Strukturen, nach denen Mythen aufgebaut sind. Musik als Zeitkunst hat die Fähigkeit oder das Potenzial der Mythen, nonverbal von seelischen Entwicklungen zu erzählen und uns mit Hilfe unseres Erlebens und Imaginierens zu ermöglichen, die Struktur von Konflikten, Kämpfen und  anstehenden Lebensthemen zu durchleben und mit Stoff zu füllen.

Zur selben Weisheit ziehen Pilger
mit verschiedener Geschwindigkeit
von verschiedenen Ausgangspunkten
mit unterschiedlicher Aufbruchszeit.

Tibetanisches Sprichwort

Sie lässt uns Gefühle und Beziehungen in der Zeit er-leben, nicht inhaltlich konkret, weil das jede(r) selber füllen muss, sondern in ihrer Dynamik und Struktur. Musik hilft uns, dieses Er-Leben und Durch-Leben nicht blockieren zu müssen, also gewissermaßen „am Leben (dran) zu bleiben“.
Bei GIM-Programmen mit einem großen dramatischen Potenzial kommt es zu Steigerungen und einer Intensivierung des Themenkomplexes in der Mitte des Programms und kommt danach allmählich wieder zur Ruhe. Für Patienten mit weniger Ich-Stärke sind die Programme natürlich entsprechend ruhiger und nährender. Die Erregungskurve ist flacher.

 


Zur Musikauswahl

Die Musikauswahl hängt daher von der therapeutischen Funktion der Musikstücke in ihrer spezifischen Zusammenstellung ab. Wir sprechen von Musik als Behälter und Erlebnisraum. Ein verhältnismäßig kleiner Behälter wäre z. B. der Kanon von Pachelbel. Dies ist immer eine sehr stützende, Halt gebende Musik. Wir finden ein übersichtliches musikalisches Material vor, sehr klare rhythmische Struktur, die in vielen Wiederholungen vorgeführt werden, was wiederum dem Imaginierenden in seiner Vorstellung einen relativ engen Rahmen vorgibt innerhalb dessen er sich bewegen kann. Soll uns die Musik jedoch ins Erleben mitnehmen so hätte sie eine Vehikelfunktion: z. B. Brahms: 1. Sinfonie c-moll, 2. Satz (Allegretto). Hier nimmt einen die Musik flott mit, als wandere man vielleicht durch Wiesen und Auen.

Ein größerer Behälter mit mehr Erlebensraum konfrontiert immer durch komplexere Harmonik, vielseitigere rhythmische Gestaltung und mehr Verwendung von Dissonanzen. Die Größe der angebotenen Behälter muss aber immer die Ich-Stärke des Imaginierenden berücksichtigen. Die Musik aus dem Film „The talented Mr. Ripley“ mit dem Titel Crazy Tom etwa ist eine Musik, die einen wirklich mit innerer Unruhe und Ängsten in Kontakt bringen kann. Traumatisierten Menschen werden natürlich nicht die großen aufwühlenden Programme angeboten, bevor sie sich nicht sicher fühlen.

Man muss als Therapeut -in GIM Guide (Begleiter) genannt- mit dem Potenzial dieser Musik vertraut sein. Musik wird im veränderten Bewusstseinszustand ziemlich anders wahrgenommen als mit dem Alltagsbewusstsein.

Instrumentierung, Rhythmik, formalen Aufbau, etc. müssen genau studiert sein und man muss um die therapeutischen Wirkungsmöglichkeiten der musikalischen Parameter auf den Imaginierenden vor dem Hintergrund seines persönlichen Erlebens wissen. Die Therapeutin muss die Musik, die sie einsetzen möchte, auch sehr genau in Bezug auf psychodynamische Themenkomplexe oder auch auf transpersonale Aspekte kennen.

Wir unterscheiden daher zwischen GIM als Verfahren, das der Neuordnung der Persönlichkeit dient und Musikimagination, bei der man mit kleineren Musik-Portionen arbeitet, um entweder ganz fokal mit einem oder höchstens 2 Musikstücken im Sitzen oft auch recht direktiv zu arbeiten oder zu stützen, z. B. im Dienste einer Entspannung. Im klinischen Alltag ist es oft nötig, GIM zu variieren und auf den Klienten in Form von MI anzupassen.

Die Musikauswahl hängt auch von mehr Variablen ab als nur von der Störung des Klienten: nämlich von seinen Hörgewohnheiten und seiner musikalischen Sozialisation, vom Therapieverlauf, von der Tagesform des Klienten und dem Thema für die heutige Sitzung.

In einem GIM –Programm kommen sowohl rein instrumentale Besetzungen wie auch Werke mit vokalen Teilen zum Einsatz. Vokalmusik ruft häufig Imaginationen hervor, die mit der Kindheit, den Eltern oder überhaupt mit Autoritäten und z.B. mit guten und schlechten Erfahrungen mit Kirche usw. zu tun haben. Ein Klient muss innerlich dann auch bereit sein, sich auch mit Übertragungen und psychodynamischen Prozessen auseinander zu setzen.

Es ist unbedingt erforderlich, eine musikalische Anamnese zu erheben, um etwas über Verwundungen in diesem Bereich, aber auch über Vorlieben und Beziehungen zu Instrumenten oder Genres zu erfahren. Für jemanden, der selbst gezwungen wurde, Klavier zu spielen, ruft ein Klavierkonzert völlige andere Erlebnisse hervor, als für jemanden, der keine spezifische Erfahrung damit gemacht hat.



Kunst ist weder moralisch noch unmoralisch,
Weder erbaulich noch anstößig,
es ist unsere Rezeption, die sie dazu macht.

Daniel Barenboim

 


Kontraindikation

Kontraindikation für GIM besteht bei akuten Psychosen und Kindern unter ca. 8 Jahren und allen Fällen, wo Probleme in der Realitätsprüfung bestehen oder ein intellektuelles Defizit besteht. In den genannten Fällen ist eine Unterscheidungsfähigkeit von Realität und Imagination nicht gewährleistet und deswegen eine therapeutische Verwendung der Imaginationsebene nicht möglich.

 


Klinische Anwendungen

Eine Anwendung ist möglich bei allen anderen Fällen der klinischen Psychotherapie wie z. B. bei psychosomatischen Erkrankungen, Abhängigkeitserkrankungen, neurotischen Störungen, bei der Verarbeitung von Trauma und Lebenskrisen (wie z.B. Trennung oder Verlusterlebnisse), begleitend auch bei organischen Erkrankungen wie z. B. Krebs und Aids. Insbesondere eignet sich GIM für die Kurzzeittherapie. 

 


Aufbau einer GIM-Sitzung

Eine Sitzung mit Musikgeleiteter Imagination gliedert sich innerhalb der etwa 1 ½ bis 2 stündigen Einzelsitzung in vier Phasen:
1. Vorgespräch :
 

Hier wird die GIM - Sitzung vorbereitet. Im Vorgespräch geht es um das Thema der heutigen Sitzung, um Wünsche, Ziele, evtl. um ein Traumgeschehen. Der Therapeut wählt nämlich die Induktion und die Reihenfolge der Musikstücke passend zum Inhalt und den im Vorgespräch erfahrenen Gefühlsqualitäten aus.

2. Induktion:      
Die Induktion bildet den Übergang bildet vom Gespräch zur Imagination, besteht aus zwei Teilen, der körperlichen Entspannung und einer mentalen Fokussierung. Beide Teile vertiefen sich gegenseitig, die Entspannung wirkt auch fokussierend, die Fokussierung auch körperlich eutonisierend. Sie hat den Zweck, auf das Musikhören vorzubereiten, indem sie in den Wachtraum - Zustand hineinführt.
Meist findet die Induktion und Musik- Imagination im Liegen statt. Entspannung und Fokussierung werden individuell für die Klientin gestaltet, angepasst an die Situation und die Persönlichkeit der Klientin. Die Induktion dient dem Zweck der heutigen Sitzung: Art und Tiefe der Entspannung werden diesem angepasst.
Vor der eigentlichen Reise wird also dem Klienten dabei geholfen, sich in einen körperlich-seelischen Zustand der inneren Sammlung mit einer Fokussierung auf das Thema zu versetzen und eine Brücke zur Welt der Imaginationen und zum Musikerlebnis zu finden.
3. Hören der Musik:
Dies dauert ca. 10 - 40 Minuten, während dessen richtet der Klient seine Aufmerksamkeit auf die Musik und sein Erleben. Therapeutin und Klient bleiben dabei im verbalen Kontakt. Dies ermöglicht dem Klienten, bei seinen Wahrnehmungen und Gefühlen zu bleiben, was das Erlebnis vertieft. Die Therapeutin führt Protokoll, so dass sich beide auch später Details der Reise wieder in Erinnerung rufen können.
Während der Musik - Imaginationsreise berichtet die Klientin von ihren inneren Wahrnehmungen, der Therapeut begleitet sie non direktiv: er hilft der Klientin, sich auf das Erlebnis einzulassen, unterstützt ihre emotionalen Äußerungen, hilft, zu vertiefen, ist präsent während schwieriger Situationen und führt Protokoll.  
4.. Nachgespräch und Integration
Das Malen eines sog. Mandalas soll im Anschluss an die Musikreise das Erlebte  zu einem Abschluss bringen und das Nachgespräch einleiten.  Wchtige Erlebnisse können im Mandala auf einer anderen Ebene sichtbar und weiter bearbeitet werden. Es wird dabei versucht, zunächst auf der symbolischen Ebene und im Gefühl zu bleiben, bevor es um die kognitive Aufarbeitung geht, in der  dann auch die erlebten Zusammenhänge zur Lebenswirklichkeit der Klientin in Beziehung gesetzt werden  

 

 

 


Gruppen-GIM

Auch im Gruppensetting ist eine Modifikation notwendig, da ein direkter verbaler Kontakt zum Therapeuten und somit eine Begleitung während des Musikhörens nicht möglich ist. Ich persönlich bezeichne GIM im Gruppensetting nicht als GIM, weil hier das Spezifische von GIM, nämlich der verbale Austausch während des Hörens, nicht oder nur in modifizierter Form stattfindet. Ich nenne das dann einfach nur rezeptive Musiktherapie. Um die Gefahr von z.B. Überflutung mit heftigen Gefühlen zu vermeiden, ist im Gruppensetting ohnehin die Imaginationsphase sehr viel kürzer, die Musikauswahl anders. Man muss darauf achten, dass sowohl Fokus als auch Musikauswahl für alle Gruppenmitglieder kompatibel sind. Wichtig ist auch, dass jedes Gruppenmitglied nach der Imagination von seinem Erlebnis während der Musik berichten kann, damit evtl. aufgetretene Probleme aufgearbeitet werden können. Durch die miteinander geteilten Imaginationserlebnisse kommt der Prozess schnell in Gang und gewinnt an Tiefe. Es ist beeindruckend, welch tief greifende Erlebnisse schon während eines 5 - 10 - minütigen Musikstückes gemacht werden können.
Guided Imagery and Music ist eine der effektivsten musiktherapeutischen Therapiemethoden in Bezug auf die Arbeit mit und im eigenen Unbewussten. Es ist eine ganzheitliche Methode, die Prozesse ermöglicht, welche sowohl in vegetative, seelische als auch in spirituelle Dimensionen reichen. Sicher ist nicht jede/r für diese Methode geeignet, aber wer sich darauf einlässt, kann tief greifende Reifeprozesse erfahren.
         Literatur bei der Autorin

 

Prof. Dr. Isabelle Frohne-Hagemann ist
- Professorin für rezeptive Musiktherapie und GIM am Institut für Musiktherapie der Hochschule für Musik und Theater Hamburg,
- Fellow der Association for Music and Imagery (F AMI) und
- Primary Trainer (Ausbildungsleiterin)  für Guided Imagery and Music nach Helen Bonny und musikimaginativen Verfahren am Institut für Musik, Imagination und Therapie (IMIT)
- zertifizierte Lehrmusiktherapeutin (DMtG) 

- Lehrtherapeutin und  Lehrsupervisorin (FPI) an der Europäischen Akademie für Psychosoziale Gesundheit und Kreativitätsförderung, Hückeswagen,
- K.J.-Psychotherapeutin in freier Praxis
- Redaktionsmitglied des Jahrbuchs der Deutschen Musiktherapeutischen Gesellschaft (DMtG)
- Ehrenmitglied der DMtG